Noch einmal der Bioschmäh

Rubens: Saturn verschlingt seinen Sohn

Rubens: Saturn verschlingt seinen Sohn

Es hat getaut und die Bioschmäh-Debatte (näheres dazu HIER im Blog oder auch HIER und HIER) läuft weiter auf vollen Touren. Auch ich bin jetzt endlich dazu gekommen, nun wirklich das ganze Buch zu lesen.

Zum Buch

Gleich vorweg: Es ist gut, dass dieses Buch geschrieben worden ist. Es verdeutlicht, dass der Biolandbau in jene Reifephase gekommen ist, in der die “revolutionäre” Idee des Ökolandbaus Gefahr läuft, von den eigenen Kindern gefressen zu werden. Die eigenen Kinder, das sind in der Diktion des Bioschmäh-Autors C. G. Arvay jene Bio-Bäuerinnen und -Bauern, die zwar nach außen hin die Standards der EU-Bioverordnungen bzw. bestimmter Handels-Labels erfüllen, ansonsten aber “agroindustriell” wirtschaften. Diese BiolandwirtInnen seien den großen Handelskonzernen mit ihren Bio-Eigenmarken (Arvay nennt hier z. B. Ja! Natürlich und Zurück zum Ursprung) sozusagen auf den Leim gegangen, und die Konzerne würden nun vor allem die Mittel einer überzeichneten Werbung nutzen, um Profit aus der industrialisierten Biolandwirtschaft zu ziehen.

Arvay schießt sich in seiner Darstellung daher auch nicht so sehr auf die “abtrünnigen” BiobäuerInnen, sondern vielmehr auf die Handelskonzerne und ihre Art des Marketings ein. Er stellt die in der Werbung der Handelskonzerne gemachten Behauptungen der Realität gegenüber, indem er recherchiert, wie einzelne Produkte, die als “Bio” gelten, produziert werden. In allen aufgegriffenen Fällen kommt er zum ernüchternden Schluss, dass der Schein der Werbewelt und das Sein der Produktionsbedingungen weit auseinander klaffen. Dieser Erkenntnis stellt er ein Plädoyer (mit Fallbeispielen) für die Rückbesinnung auf die Ideen der “echten Bio-Pioniere” gegenüber.


Kritik

Nach der Lektüre des Buches seien aber doch auch ein paar Punkte angemerkt, die ich als Diskussionsanstoß in die Debatte um das Buch einwerfen möchte:

 

  • Es liegt in der Natur der Sache einer populärwissenschaftlichen Darstellung, komplexe Sachverhalte möglichst einfach darzustellen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob die Tendenz zur Vereinfachung in “Der große Bioschmäh” nicht doch zu sehr ausgereizt wurde: So z. B. spricht Arvay zwar mehrmals die EU-Bioverordnung und “Statuten” verschiedener Bio-Verbände an; vor allem im Interesse letzterer – die ja trotzt aller Unzulänglichkeiten auch einen Großteil der “echten” Bio-BäuerInnen beheimaten – hätte ich mir dann auch eine klare Darstellung dieser teilweise sehr verschiedenen Regelwerke gewünscht, um die aufmerksamen LeserInnen nicht ratlos zurück zu lassen (der Bio Austria-Verband reagierte wohl nicht zuletzt deshalb ziemlich verschnupft). Dasselbe gilt für die Darstellung der “Vertragslandwirtschaft” als Mittel der Unterwerfung der Bäuerinnen und Bauern durch die Handelskonzerne. Ich denke, dass das Modell der Vertragslandwirtschaft an sich nichts Schlechtes ist. Die wesentliche Frage dabei, wann sich der Bio-Landwirt “dem konventionellen Massenmarkt” unterwirft (C. G. Arvay, Der große Bioschmäh, S. 168), ist schon viel schwieriger zu beantworten: Ist die Biolandwirtschaft, die für z. B. Sonnentor Kräuter produziert, bereits “dem konventionellen Massenmarkt” unterworfen, wird dort mit denselben Mitteln geworben und “geschönt” wie z. B. in der Ja!Natürlich-Werbung?

 

  • Was mich zum zweiten Kritikpunkt führt: Arvay lässt die wirtschaftliche und soziale Komponente sowohl auf Seiten der LandwirtInnen als auch auf Seiten der KonsumentInnen gänzlich außer Acht. Nicht jeder Bäuerin/jedem Bauern ist der Unternehmergeist in die Wiege gelegt, nicht alle wollen/können direktvermarkten. Der Einstieg in den Bio-Massenmarkt kann oft auch eine dringliche wirtschaftliche Notwendigkeit sein und muss nicht automatisch mit unlauteren Motiven verbunden sein. Auf der Seite der KonsumentInnen wäre wünschenswert gewesen – wenn es auch sicher nicht zum Kernthema des Buches gehört – die Frage von Wert, Preis und Leistbarkeit von Bioprodukten aufzugreifen. Führen nicht so manche Preis-Auswüchse (zuletzt gesehenes Extrembeispiel: in einem Bioladen in Wien-Döbling kosten zehn Eier EUR 4,80) des von Arvay als “Nischenmarkt” bezeichneten Sektors von Bioläden, Direktvermarktern, Biokistln, etc. dazu, dass “Bio” (bewußt?!) den Ruf des Elitären bekommt, und für bestimmte Schichten erst gar nicht leistbar ist? Wie kann hier gegengesteuert werden, sodass Bioprodukte sowohl für alle, die sie sich leisten wollen, leistbar sind und andererseits die LandwirtInnen einen fairen Preis bekommen?

 

Clemens G. Arvay
Der große Bio-Schmäh
2012, Verlag Carl Ueberreuter, Wien
ISBN 978-3-8000-7528-7
208 Seiten,
fester Einband mit Schutzumschlag

 

Update 27. Februar 2012, 22:15
Auch die Kleine Zeitung berichtet über Debatte und Buch: Kleine Zeitung – “Die Fehler gehören sofort ausgemerzt” (Online-Ausgabe, 26. 2. 2012)

Ausserdem gibt es eine erste (?) Stellungnahme von parteipolitischer/regionalpolitischer Seite: Die Grünen Burgenland – Bezirk Oberwart – Wolfgang Spitzmüller: Öko-Bio-Fairtrade-Bashing – Nein Danke!

Ja! Natürlich hat übrigens schon am 25. Jänner zum Buch “Der große Bio-Schmäh” Stellung genommen: Ja!Natürlich: Bio ist heutzutage mehr als der romantische Ab-Hof-Kleinbauer

 

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4 Antworten auf Noch einmal der Bioschmäh

  1. Hallo Christian,
    schön das Du das Buch rezensiert hast und es überwiegend gut findest. Die “Kritikpunkte”, die Du beschreibst, umfassen aus meiner Sicht exakt das, was schon länger unter Fachleuten diskutiert wurde und nun, Dank dem Buch und dem dazugehörigen Medienecho, endlich auch in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert wird. Das der Autor dabei keine vorgegeben Lösung präsentiert, sondern “nur” Lösungsansätze (CSA, FoodCoops), spricht dafür, dass er eine solche Debatte lostreten wollte – und nicht eine “neue Lösung” geben wollte, die die Menschen einfach übernehmen können.
    Das Thema ist komplex, da sind wir uns sicher alle einig. Daher kann es halt auch keine einfachen Lösungen geben, sondern alle Beteiligten (Konsumierende, Produzierende, Handelnde) müssen sich selbst damit auseinandersetzen, wie produziert werden soll (Richtlinien), was produziert werden soll (Angebot) und wo wir die Lebensmittel zu welchen Preisen bekommen (Distribution).
    Mir hatte gefallen, dass das Buch hier nicht versucht, einem ein neues, starres Korsett aufzuzwängen.

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    • Christian sagt:

      Lieber Michael!

      Danke für Deinen Kommentar! Ich seh das Buch auch als wichtigen Disskussionsanstoß, vorgerfertigte Lösungen kann hier ohnehin niemand geben, denn das wäre wiederum nur ein Überstülpen eines vorgefertigten Konzepts auf – wie Du ja auch sagst – sehr komplexe Problemlagen. Es ist zu hoffen, dass die Diskussion in die richtige Richtung geht und nicht “niedergebügelt” wird (im Sinne von “das Bio ein Schmäh ist, haben wir eh schon immer gewußt” bzw. “das Buch will die Bauern nur auseinanderdividieren”). Mir persönlich wär auch wichtig, dass der Diskussion dann aber auch konkrete Taten – im Sinne von gelebten Beispielen – folgen, um hier nicht zu “akademisch” zu werden/bleiben.

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  2. Da bin ich voll bei Dir!

    :)

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  3. Pingback: Der große Bio-Schmäh Buch - haberleiten.at

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